Destroyer vs. Koinos
In einer Zeit, in der sich die Print-Branche immer weiter spezialisiert, in der es kein noch so groteskes Thema gibt, zu welchem sich nicht in jeder Bahnhofsbuchhandlung diverse Magazine finden, in der man nur mit Mühe den Überblick behalten kann über die immer zahlreicher erscheinenden Magazine über das schwule Leben inklusive aller seiner Spielarten ist es doch erstaunlich, dass es kaum Publikationen gibt, die sich mit jungen Schwulen beschäftigen. Sei es jetzt aus Sicht der “Betroffenen” – also der sich gerade auf dem chaotischen Selbstfindungstrip der Pubertät befindlichen Teenager, die gerade entdecken, dass sie mit dem heteronormen Weltbild ihrer Umwelt nichts anfangen können – oder aus Sicht derer, die sich mit der durch den schwulen Mainstream geprägten Sicht der Dinge, dass jede Altersgruppe unter sich bleiben sollte, nichts anfangen können oder wollen, die sich also zu Jungen hingezogen fühlen, die noch nicht zu stereotypen Robotern unserer Gesellschaft und ihrer Normen geworden sind.
Umso interessanter dürfte es sein, die beiden einzigen halbwegs bekannten Magazine, die sich mit besagter Materie auseinandersetzen mal genauer zu betrachten und zu sehen, wo ihre geistigen Wurzeln liegen, wo sie sich unterscheiden und wo ergänzen. Im Einzelnen sind dies das in Prag ansässige Destroyer Journal und das in Amsterdam herausgegebene Koinos Magazin. Für den expliziten Vergleich dienen hierbei die gerade erschienene 6. Ausgabe des Destroyer sowie die Ausgaben 55 und 56 von Koinos (die mir von der Koinos-Redaktion freundlicherweise für diesen Zweck zur Verfügung gestellt wurden).

Geschichte
Di erste Ausgabe des Destroyer erblickte im Mai 2006 das Licht der Welt. Seitdem erschien Destroyer zunächst vierteljährlich, mittlerweile halbjährlich. Der Man hinter Destroyer ist Karl Andersson, ein Journalist aus Schweden der in seinem Heimatland eine gewisse Prominenz durch seinen Posten als Chefredakteur von Schwedens erstem schwulen Hochglanzmagazin Straight erlangte. Außerdem war er Mitarbeiter der größten schwedischen Tageszeitung (dem Aftonbladet) und Skandinaviens größtem Männermagazin (Slitz) bevor er mit Destroyer ein Magazin gründete, das sich dem im Printbereich offensichtlich unterrepräsentierten Thema der Ephebophilie widmen sollte. Der “Untertitel” des Magazins sagt eigentlich alles, was man über den Inhalt wissen muss: Journal of Apollonian Beauty and Dionysian Homosexuality. Kostenpunkt: € 10.
Das Koinos Magazin erscheint vierteljährlich und ist mittlerweile bei Ausgabe 56 angekommen und damit meines Wissens nach die langlebigste Publikation dieser Art. Herausgeber ist die Amikejo Stiftung in Amsterdam, die Hauptverantwortlichen für das Magazin sind B. Ferguson, R . Wildeboer und B. den Hertog. Koinos kostet innerhalb Europas € 13,75 und international € 18,50 je Ausgabe.
Selbstverständnis
Auf den ersten Blick setzen sich beide Magazine mit dem selben Thema auseinander. Bei genauerer Betrachtung wird man jedoch schnell feststellen, dass es in der Zielstellung und der Herangehensweise essenzielle Unterschiede gibt.
In der Selbstbeschreibung von Koinos liest man etwa folgendes: “Koinos möchte auf nuancierte Weise für eine Gesellschaft plädieren, in der Jungen in dieser Lebensphase geschätzt werden und in der sie ungehindert von Vorurteilen die Möglichkeit haben, intime Beziehungen und sexuelle Kontakte mit anderen Menschen, auch mit Erwachsenen, auf der Grundlage gegenseitigen Respekts zu erleben.” Dieser Einsatz für sexuelle Selbstbestimmung mit einem Fokus auf die Beziehungen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen steht in einer langen Tradition, deren bekanntestes und nicht minder kontroverses Beispiel der US-amerikanische Verein NAMBLA sein dürfte. NAMBLA kämpft für das Recht Pädophiler auch intime Beziehungen zu Kindern aufzubauen und zu pflegen. Ein Begehr dem viele skeptisch gegenüberstehen, da sie befürchten, dass Kinder hier für die Bedürfnisse Erwachsener ausgenutzt werden und seelischen Schaden davon tragen könnten. Koinos überträgt diese Forderung auf die Beziehungen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen. Das mag strafrechtlich weniger relevant sein, da Jugendliche ab 14 noch (!) relative Freiheit bei der Wahl ihrer Partner haben aber gesellschaftlich ist dieses Thema kaum weniger tabuisiert als Pädophilie. Interessanterweise ist es gerade die seit Jahrzehnten für Freiheit und Selbstbestimmung kämpfende Schwulenbewegung, die sich besonders hervortut, wenn es darum geht sich möglichst radikal von jeder Form und Erscheinung der Ephebophilie in den eigenen Reihen zu distanzieren. Von Toleranz fehlt plötzlich jede Spur sobald es jemand wagt sich abseits der ausgetretenen Pfade des schwulen Mainstream zu bewegen.
Der Destroyer verfolgt eine andere Ideologie. Das Ziel ist hier weniger die Enttabuisierung des Verhältnisses Zwischen Mann und Junge sondern vielmehr die Wiederentdeckung des Jungen als Objekt der Begierde. Diese Begierde muss hier nicht zwangsläufig sexueller Natur sein, im Gegenteil, es geht eher um eine künstlerische Annäherung, darum die objektive wie auch die subjektive Schönheit des Jungen wieder in ein Licht zu rücken, dass nicht so schmutzig-schummrig vor sich hin schimmert wie in den letzten Dekaden sondern hell erstrahlt wie in Zeiten, als Künstler, Dichter und Philosophen offen vom Reiz und der Anmut eines Jungen in der Adoleszenz schwärmen konnten ohne sich dabei verdächtig zu machen ein perverser Triebtäter zu sein. Karl geht dabei sogar soweit zu behaupten, dass ein etwaiges sexuelles Verhältnis zu einem Jungen seine Schönheit zerstört. Er folgt damit der Argumentation von Camille Paglia, dass ein Objekt seine Magie und Göttlichkeit die der Schönheit inne wohnt verliert, sobald man direkt mit ihm interagiert, profan gesagt, sobald man es fickt – auf welche Art und Weise das auch immer geschehen mag ;)
En Détail
Koinos erscheint zweisprachig auf Englisch und Deutsch. Böse Zungen würden jetzt behaupten, dies sei dem Alter und der mit diesem einhergehenden geringen Englischkenntnisse des durchschnittlichen Konsumenten geschuldet aber ich finde das Zwei-Sprachen-Konzept ganz unabhängig von seiner wie auch immer gearteten Intention ziemlich interessant. Thematisch wird in jeder Ausgabe ein Schwerpunkt gelegt, mal Sachthemen mal literarische mit Gastbeiträgen bekannter und unbekannter Autoren. Bei den beiden mir vorliegenden Ausgaben waren das etwa: Ein kurze Geschichte der Päderastie (Ausgabe 55) und Jugenderinnerungen (Ausgabe 56). Leider werden die Sachthemen, soweit ich das beurteilen kann, nur oberflächlich behandelt. Etwas mehr Tiefgang und Umfang wäre hier gern gesehen liebe Redaktion ;) Einen nicht unerheblichen Teil machen ganzseitige Photos aus, die zwischen üblem Kitsch und künstlerischem Anspruch schwanken.
Destroyer erscheint komplett auf Englisch und ist gewissermaßen ein Produkt schwul-avantgardistischer Popkultur. Thematisch breit gefächert von Kunst, über Filme bis hin zu Kulturphilosophie und Jugendgewalt versammelt sich hier alles was irgendwie mit griechischen Idealen oder pubertären Monstern zu tun hat. Schwerpunkt sind dabei meist Interviews mit Künstlern, Autoren und mitunter auch den Jungs selbst. Die Aufmachung spielt dabei bewusst mit Elementen großer Männer- und Hochglanzmagazine. Destroyer ist bunt, laut und selbstbewusst – als hätte nie ein Tabu über uns geschwebt.

Fazit
Beide kämpfen also für eine neue Sicht der Dinge, für eine Neuordnung der Werte. Doch sowie in der Wahl der Mittel als auch in der Zielstellung unterscheiden sie sich. Und so unterscheiden sich auch die Zielgruppen. Während Koinos hauptsächlich Erwachsene anspricht die Jungen lieben und dabei auch in der Tradition pädophiler Kultur steht ist Destroyer eher ein – wenn auch extravagantes – Kunstmagazin, das (und das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen) auch von vielen Jugendlichen gelesen wird, die eigentlich selbst das objet d’art des Magazins sind.
Destroyer mag milkboys ideologisch näher stehen aber wichtig sind beide Magazine. Schon allein um der Welt zu zeigen, dass es mehr gibt, als die am Altar des Konsum opfernde, asexuelle Modeschwuchtel die die Heteros so gern aus uns machen würden.


about 2 years ago
das seh ich genauso. auch wenn ich manchma denke, meine Besucher suchen eh nur porn, poste ich “Schönheit” und keine frontal nudity.
Zitat: “es geht eher um eine künstlerische Annäherung, darum die objektive wie auch die subjektive Schönheit des Jungen wieder in ein Licht zu rücken, dass nicht so schmutzig-schummrig vor sich hin schimmert wie in den letzten Dekaden sondern hell erstrahlt wie in Zeiten, als Künstler, Dichter und Philosophen offen vom Reiz und der Anmut eines Jungen in der Adoleszenz schwärmen konnten ohne sich dabei verdächtig zu machen ein perverser Triebtäter zu sein”
about 2 years ago
Das eine muss das andere ja nicht ausschließen. Wichtig ist nicht was mit einem Kunstwerk dargestellt wird, sondern was der Betrachter daraus macht. Ein Photo von einem komplett angezogenen Typen kann ja zum Beispiel für manche die gleiche Wirkung erzielen wie ein Photo einens nackten Typen für andere ;)
about 2 years ago
english please lol
about 2 years ago
I’ll try to translate it soon ^^
about 1 year ago
Would an English translation be possible (condensed if necessary) ???
about 1 year ago
Interessant. Karl Andersson scheint ja fast ein “Puritaner” zu sein (“look, but don’t touch!”) ;-)
about 1 year ago
“eric” “aserdaten” You could try Babel Fish to translate; you can just about get the gist of the text and have a good laugh at the same time :-)
about 1 year ago
Alles schön, hin oder her. Destroyer hat wohl auch eher den realistischeren Anspruch (und mir sympathischeren), und Camile Paglias Argument würde ich wohl auch nicht so unterstreichen. Dieser Aspekt wird aber nicht sehr herausgepresst. Würde KOINOS aesthetisch eher bei so Sachen wie die von Krivon einordnen, und das geht ja überhaupt nicht. Die forcieren ja so was von einen reaktionären, genderfeindlichen Kitsch.
Und schüren so auch die Vorurteile, die der gesellschaftliche Status Quo hat.
about 1 year ago
@Klaus
Du hast nicht ganz Unrecht mit dem Kitsch, das sind eben Sichtweisen die vor ein paar Jahrzehnten endstanden und sich bei einigen Mitgliedern der älteren Generation bis heute gehalten haben. Ist schon interessant wie sich der Blickwinkel entwckelt hat: Damals war der Junge oft nur ein formbares Objekt das keinen Widerspruch leistet und zur Befriedigung der eigenen Wünsche diente während heutzutage glücklicherweise Leute wir Karl das Thema auf eine gesündere Weise verarbeiten indem sie zeigen, dass der Junge eben nicht der kleine schutzbedürftige Sklave ist sondern ein selbstbewusster, eigenständig denkender Mensch der seine eigenen Entscheidungen trifft.
Dieses Ablegen der Lehrmeisterhaltung einiger Semester war längst überfällig und wird sich nach und nach auch im öffentlichen Bild durchsetzen und hoffentlich dazu beitragen, dass Ehpebophilie an sich weniger als potenziell gefährliches Begehren sondern als das stille Bewundern und Respektieren der Jugend erkannt wird.
Natürlich sollte es selbstverständlich sein, dass Liebe kein Alter kennt und demnach – so sie denn wollen – auch Jugendliche eine Beziehung mit Erwachsenen eingehen können; aber es wäre sicher auch hilfreich wenn einige von ihrem verqueren Standpunkt runterkämen, dass jeder Junge einen Mentor braucht, der ihm zeigt wos langgeht, also aufhören Jugendliche in diese elende Sklavenmoral zu drücken und sie stattdessen als gleichwertig akzeptieren; und – so schwer das auch sein mag – sich damit abfinden, dass der tendenziell größere Teil der Jugend auch mit einem gleichaltrigen Partner tatsächlich völlige Zufriedenheit erlangen kann xD
about 1 year ago
Danke! Epebophilie ist übrigens ein Begriff den man viel zu selten hört bzw. benutzt. Eure herangehensweise finde ich auch sehr zeitgemäss und progressiv….
Grutze K.
about 1 year ago
Why not add links to the magazines’ websites http://amikejo.org/ and http://destroyerjournal.com/ so people can have a closer look for themselves. My suggestion: link the front cover scans.
about 1 year ago
@Koinos editors
The websites are already linked.
Move your mouse over “Koinos Magazin” and “Destroyer Journal” in the second paragraph and you will see them.
about 1 year ago
OK, I hadn’t noticed those links, but I see now. Thanks.
about 1 year ago
Any chance of at least a brief summary in English?
about 1 year ago
Worth asking one last time for a brief summary in English? It does look like a really interesting article…